Sian: Hallo, vielen Dank dass du heute auf der Webinale nach deinem Vortrag zu Semantic Web in Application(s) noch kurz Zeit für mich hast. Wie werden heute bereits Semantic Web Technologien eingesetzt, und welche Art von Apps erwarten uns in den nächsten Jahren hinsichtlich Web3.0?
· Hallo, ich denke das wichtigste heute war erstmal, die Begriffe zu verstehen. Wie gesagt haben wir bei Semantic Web Anwendungen mit drei Technologien zu tun: Wissensextraktion aus Texten, also wie man mit Artificial Intelligence Algorithmen Texte verstehen kann, dann die Semantic Web Standards vom W3C mit denen man dieses Wissen speichern kann, das ist RDF und OWL, und zuletzt die Standards um Wissen auszutauschen, was wir in der Linking Open Data Cloud gesehen haben. Es ist mir wichtig, keine leeren Buzzwords zu pushen, wir haben klare Begriffe und Standards. Semantische Textanalyse wird heute meist in Großunternehmen verwendet um die Eingangspost zu analysieren und Dokumentbestände zu erschließen, diese Technologien waren bisher sehr teuer und konnten von den kleinen nur schwer eingesetzt werden. Firmen wie ExpertSystem.net bieten seit Jahren derartige semantische Technologien an. Mit OpenCalais von Reuters ist da im Januar 2008 ein Player auf den Markt gekommen der diese Technologie sehr billig anbietet, das belebt den Markt. Diese Daten werden eben jetzt verfügbar. Der zweite Bereich ist der RDF Standard, mit dem man Information sehr einfach und clever aufschreiben kann. RDF wird seit vielen Jahren als Konfigurationsformat von Mozilla verwendet, wenn sie mit Ihrem Firefox browsen, verwenden sie also RDF, die Technologie wird also so und so verwendet weil sie XML mit netten Features erweitert. Als Prominente Beispiele habe ich noch die BBC angegeben, die verwendet Semantische Technologien um ihre Musikseite zu verwalten oder Vodafone, die über RDF ihr Content-Portal beliefern. Sehr interessant ist das Linking Open Data Projekt, wo 2 Milliarden Fakten über unsere Welt zusammengesammelt wurden. Das schöne an diesem Projekt ist, das es unkontrolliert und dezentral funktioniert, wie damals in den Anfangsjahren des Web. Bei den Anwendungen sehen wir gerade einen großen Hype um Suchmaschinen, etwa den Superhype um Wolfram Alpha, die stark mit semantischen Technologien arbeiten und Fragen beantworten können wie „Was ist die Entfernung vom Mond zur Erde?“, oder GoPubMed, wo man nach medizinischer Information suchen kann. GoPubMed kommt auch ohne Hype aus, die machen einfach ein gutes Produkt. Im letzten Jahr sind viele Möglichkeiten gekommen, etwa will die Obama Regierung eine Webseite über Staatsausgaben mit RDF ausstatten, recovery.org, aber da ist noch nichts passiert. Für den Endanwender gibt es heute schon Services wie Twine.com, die einem beim Bookmarken helfen, oder den Semantic Desktop, den ich mitentwickelt habe. Beim Semantic Desktop bringen wir diese Technologien auf den Desktop, damit kann ich nun alle meine Dateien, Emails, Projekte, und Kontakte miteinander vernetzen, der Computer denkt dann so vernetzt wie sein Meister. Was in den nächsten Jahren kommt kann man überhaupt nicht sagen, die Entwicklung geht so schnell und viele Dinge passieren parallel, ich denke es geht in Richtung Semantische Realität: ich werde einen Eisbecher fragen können: du schmeckst mir, wo gibt’s mehr von dir, wer hat dich gemacht? Die Antwort kommt dann aus dem Web.

Sian: Was sind die Stärken und Schwächen von semantischer Technologie? Werden die zukünftigen Rechner eigenständig die Ontologie selbst „erlernen“ können?
· Semantische Technologien als solche Unterscheiden sich nicht großartig von den Technologien die wir bereits beherrschen. Tim Berners-Lee sagte früher immer: RDF ist wie eine große Datenbank im Web. Wir haben im Prinzip Datenbanken, XML, Texte, die SQL Abfragesprache, und Artificial Intelligence genommen, und daraus dann RDF gebaut. Das ist der Kern der Idee: alle guten Technologien unter einen Hut zu bringen, dass ich das Web wie eine Datenbank befragen kann, die verteilt funktioniert. Datenbanken sind vor zig Jahren entstanden, der Standard ist aber SQL-92, also Jahre später. Richtig billig und einfach sind sie aber erst seit kurzem, etwa mit MySQL. Das Web ist 1989 entstanden, RDF etwa 1999, heute wird die Technologie benutzbar. Das alles braucht elendiglich viel Zeit. Das große Problem sind die Tools, wir haben zu wenig Tools und die Entwicklungskosten sind sehr hoch. Deshalb zahlt sich RDF vor allem da aus, wo es wirklich nützlich ist: um Daten zu veröffentlichen und veröffentlichte Daten wiederzuverwenden, oder für die Datenintegration in Unternehmen. In den nächsten Jahren werden wir viel bessere Entwicklungstools sehen und die Kosten werden sinken. Ein Tool das jeder will ist der große „mach es“ Knopf – ich drück drauf, das Tool zieht los und findet alle Informationen und integriert sie, sagt mir nachher was wichtig ist und was nicht und erledigt vielleicht noch die ganze Arbeit von selbst. Komplett von selbst wird’s wohl nie gehen, ich persönlich schätze hier die Kooperation von Mensch und Maschine, etwa der Ansatz den der USU KnowledgeMiner unterstützt.
Sian: Wir haben hier auf der Webinale ja noch weitere Speaker mit spannenden Themen. Ist auch für dich privat etwas dabei? Welche Vorträge & welche Speaker findest du persönlich interessant, sodass du dich auch als Hörer in die Reihen setzen wirst (oder es bereits getan hast)?
· Ich selber starte ja gerade mit unserem gnowsis.com Startup, die Startup Vorträge am ersten Tag waren da richtig gut und auch in den Kaffeepausen konnte man gut Netzwerken. Bin auch sehr froh über die vielen interessanten Gäste. Jetzt gerade war ein „augmented World“ Vortrag, parallel zu meinem, den hätte ich gern gesehen. Morgen ist noch ein Semantic Web Vortrag von Roy Uhlmann und Klaus Holthausen, den werde ich mir sicher ansehen. Michael Jendryschik spricht morgen noch mehr über die RDF Technologien, das ist natürlich für jeden gut, der mehr über das Wissen will, das ich gesagt habe. Ich denke, die Vorträge über Daten sind wichtig – Social Network Analysis, Datenanalyse, wo kann ich etwas aus Daten lernen. It’s all in the data, stupid!
Sian: Was war bisher dein größter beruflicher Misserfolg? Bzw. Was war der größte Fehler den du jemals gemacht hast?
· Gute Frage, ich bin mit meinem Leben sehr glücklich, vielleicht nicht immer zufrieden, aber glücklich. Ich bin ja auch gläubig, Gott sorgt schon für mich, auch wenn ich Fehler mache. Worüber ich mich aber oft im Nachhinein ärgere sind technische Entscheidungen am Semantic Desktop. Wenn ich da vor ein paar Jahren mehr auf die Benutzer und meine Kollegen gehört hätte, wären wir da jetzt schon weiter.
Sian: Du hast ja auch dein eigenes Start-Up. Worum geht es dabei?
· Menschen beim Erinnern helfen. Heutzutage haben wir so viel Information, dass man sich gar nicht mehr alles merken kann. Computer verhalten sich aber immer noch wie Bene-Ordner, also wie starres Paper wo ich Zettel einordne. Wie kann man aber Ordnung in E-Mails, Dateien, Webseiten, Projekte und Kontakte bekommen? Mit gnowsis.com bauen wir gerade eine Firma auf, die mit Web 3.0 Technologien dieses Problem angeht. Man kann sich damit ein persönliches Wissensnetz bauen, dass dann in jeder Anwendung verfügbar ist. Ich sehe dann, woher ich eine Person kenne oder welche Dinge ich zum Urlaub einpacken wollte. Das schwierige ist jetzt, die bestehenden Texte zu lesen und dieses Netzwerk automatisch zu bauen, da sind wir dran. An sich ist das Thema sehr spannend, wir haben da aber schon 6 Jahre dran geforscht und werden bald mit einer einfachen Version auf den Markt gehen. Bin schon gespannt wie sich das entwickelt.
Sian: Wie ist deine Meinung für Start-Ups zu: “Bootstrapping vs. VC-Kapital“? und Warum?
· Ha, eine super Frage. Wir haben jetzt andauernd mit VC’s zu tun und mit der Frage, was wir mit unserer Zeit machen sollen. Man kann ja entweder den ganzen Tag am Produkt arbeiten, oder Powerpoint Folien für den Pitch pimpen. Wenn man dann die dicke Kohle hat, kann man natürlich viel mehr Leute einstellen, auf der anderen Seite kommt es nur aufs Produkt an, und das kann man anfangs fast alleine bauen. Da wir finanziell gut über die Runden kommen, bootstrappen wir, es ist auch viel weniger stressig. Ich traue den VCs nicht immer, manche wollen dich nur pushen, weil sie eben die dicke Kohle sehen, und reden einem ein „du brauchst unbedingt einen VC“. Wenns auch ohne klappt, warum nicht. Ich habe da ein super Buch, „Founders At Work“, das hat mir mein Freund Lars Zapf von simprove empfohlen. Das habe ich jedem in der Firma geschenkt, da sind die Geschichten von erfolgreichen Startups drin. Die sind fast alle bootstrapper, die Firma wächst mit dem Produkt.
Sian: Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten 5 Erfolgsfaktoren für ein Start-Up?
· Gute Frage, das kann ich eigentlich nicht sagen, weil ich ja noch kein Erfolgreiches Startup habe (lacht). Was ich aber aus meiner Berufserfahrung weiß, ist Kundenorientierung. Das wichtigste ist der Kunde, den musst du kennen. Ich kann aber Ratschläge weitergeben, die ich gehört habe: das Team ist entscheidend, und Durchhaltevermögen. „The Best Founders are the ones who refuse to fail“, hat Paul Graham mal gesagt.
Sian: Wie siehst du die Entwicklung des Internets in 10 Jahren?
· Herrlich. Wir leben in der besten Zeit der Menschheitsgeschichte, vor allem hier bei uns. Keine Kriege, jeder hat was zu Essen, keine Korruption, super. Technologisch haben wir uns ein sehr bequemens Leben gemacht, jetzt wird’s wahrscheinlich viel in Medien und Freizeit geben. Wenn ich mir heute die Fernsehserie „How I met your Mother“ anschaue, sagen die in fast jeder Serie eine Webadresse, damit kann ich als Zuseher mit den Schaffenden reden. Als Menschen rücken wir dichter zueinander, wir lernen einander besser kennen und kommunizieren immer mehr, ich denke das Leben wird noch um einiges bequemer und interessanter für uns. Wenn ich mir heute Facebook ansehe, was da an Beziehungen abgeht, wer kann da schon die Zukunft voraussagen?
Sian: Stell dir vor du hast 3 Millionen und könntest in 3 Start-Ups jeweils 1 Million investieren. Welche wären das?
· Nachhaltige Energien, etwa Windkraft oder alternative Antriebe für Autos, grüne Technologie ist mir wichtig und angeblich kann man da auch ganz gut Gewinn machen, dann würde ich in die Firmen von Freunden von mir investieren, da hat man wenigstens die Chance mal auf eine Party eingeladen zu werden, und natürlich würde ich in meine eigene Firma investieren. Aber ehrlich, ich kann keine Namen nennen, damit kenne ich mich nicht aus und ich möchte nichts Falsches sagen. Einen vielleicht – Zemanta. Die sind das Europäische Wunderkind im Semantic web, und Andraz Tori, mit dem ich schon ein paar Bier getrunken habe, ist ein total netter Kerl. Wenn die voll durchstarten wäre das richtig fein und da würde ich mich mitfreuen.
Sian: Welches Buch hast du als letztes gelesen? Welches würdest du weiterempfehlen?
· Hm, im Startup haben wir „Founders at Work“ and „The Art of the Start“ für alle Mitglieder, die sind super für Startups. Sonst lese ich viel Sci-Fi, da liebe ich „A Deepness in the Sky“, aber mir fällt auch eine Biographie die ich neulich gelesen habe: „Once an Arafat Man“. Da geht’s um Tass Saada, einen PLO Scharfschützen der irgendwann Christ wird und anfängt, Juden zu lieben statt zu hassen, eine irre Geschichte.
Sian: Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast! Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß auf der Webinale.
Mehr Informationen zu DFKI GmbH Knowledge Management Lab
Leo Sauermann von DFKI GmbH Knowledge Management Lab auf der Webinale 2009 in Berlin




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